Corona-Aufarbeitung: Übersterblichkeit war ein zentrales Argument – doch Sachsen hat sie bis heute nicht umfassend ausgewertet
Die Sächsische Staatsregierung hat die Sterblichkeitsentwicklung der Corona-Jahre für den Freistaat bis heute nicht in der notwendigen Tiefe aufgearbeitet. Das geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage des BSW-Abgeordneten Jens Hentschel-Thöricht zur Übersterblichkeit während der Corona- und Influenzawellen hervor (Drs. 8/8005, s. Anhang).
Das Sozialministerium räumt darin ein, dass der Staatsregierung für die abgefragten Zeiträume keine eigenen Auswertungen der Übersterblichkeit nach Todesursachen und Altersgruppen für Sachsen vorliegen. Auch eine gesonderte Bewertung der Sterblichkeitsentwicklung der Jahre 2020 bis 2023 wurde nicht vorgenommen. Entsprechend wurden daraus auch keine gesonderten Schlussfolgerungen für die epidemiologische Überwachung, den Schutz besonders gefährdeter Altersgruppen oder die Vorbereitung des Gesundheitswesens auf künftige Infektionswellen gezogen.
Dabei waren Sterbefallzahlen und Übersterblichkeit während der Corona-Pandemie ein wesentliches Argument in der öffentlichen und politischen Debatte über die Gefährlichkeit der Lage und die Notwendigkeit weitreichender staatlicher Maßnahmen. Umso schwerer wiegt aus Sicht des BSW, dass die Staatsregierung Jahre später keine entsprechend differenzierte Auswertung für Sachsen vorlegen kann.
Dazu erklärt Jens Hentschel-Thöricht, BSW-Abgeordneter und Mitglied des Corona-Untersuchungsausschusses:
„Während der Pandemie waren Sterbefallzahlen und Übersterblichkeit ein zentrales Argument für die Gefährlichkeit der Lage und für weitreichende staatliche Maßnahmen. Deshalb stellt sich heute eine sehr einfache Frage: Wenn die Übersterblichkeit damals politisch so bedeutsam war, warum kann die Staatsregierung im Jahr 2026 nicht detailliert sagen, wer in Sachsen wann und woran zusätzlich gestorben ist?
Genau diese Auswertungen fehlen. Die Staatsregierung verfügt für die abgefragten Zeiträume über keine eigenen Auswertungen der Übersterblichkeit nach Todesursachen und Altersgruppen. Eine gesonderte Bewertung der Sterblichkeitsentwicklung von 2020 bis 2023 hat sie ebenfalls nicht vorgenommen. Das passt für mich nicht zusammen.
Wer damals mit dem Schutz von Leben und Gesundheit massive Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens begründet hat, muss heute bereit sein, die tatsächliche Sterblichkeitsentwicklung umfassend, wissenschaftlich und ergebnisoffen untersuchen zu lassen. Eine seriöse Aufarbeitung darf nicht dort aufhören, wo die Daten möglicherweise nicht mehr zur damaligen politischen Erzählung passen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, eine vorgefertigte Erklärung durch eine andere zu ersetzen. Wir wollen wissen, was tatsächlich passiert ist: Welche Altersgruppen waren wann besonders betroffen? Welche Todesursachen standen dahinter? Welche Zusammenhänge bestanden mit Corona, Influenza und anderen Erkrankungen? Und wie entwickelte sich die Sterblichkeit während und nach den einzelnen Infektionswellen?
Gerade deshalb ist die wissenschaftliche Untersuchung, die Anlass meiner Anfrage war, interessant. Sie kommt für Deutschland zu dem Ergebnis, dass die Übersterblichkeit während der Influenzawelle von Ende 2022 bis Anfang 2023 höher lag als während jeder einzeln betrachteten SARS-CoV-2-Welle*. Die Autoren weisen zugleich ausdrücklich darauf hin, dass aus einer zeitlichen Übereinstimmung allein kein ursächlicher Zusammenhang abgeleitet werden kann.
Genau deshalb hätte ich von der Staatsregierung erwartet, dass sie solche Entwicklungen für Sachsen genauer untersucht. Stattdessen erklärt sie, dass ihr keine entsprechenden eigenen Auswertungen vorliegen und dass sie aus der konkreten Sterblichkeitsentwicklung der Jahre 2020 bis 2023 keine gesonderten Schlussfolgerungen gezogen hat.
Corona-Aufarbeitung bedeutet weder Verharmlosung noch nachträgliche Rechtfertigung. Sie bedeutet, damalige Annahmen, Aussagen und politische Entscheidungen anhand der heute verfügbaren Daten zu überprüfen. Wer damals Gewissheiten zur Grundlage weitreichender Entscheidungen gemacht hat, darf sich heute nicht mit Wissenslücken zufriedengeben. Sachsen braucht endlich eine wissenschaftlich fundierte und ergebnisoffene Aufarbeitung.“
* Heudorf, Ursel, Kowall, Bernd, „All‑cause excess mortality in Germany peaked during the late‑2022 influenza period, exceeding peaks during SARS‑CoV‑2 waves (2020–2023)“, June 2026, PLOS one, https://doi.org/10.1371/journal.pone.0335982



