Corona-Effekte bei Schulanfängern? Arztüberweisungen wegen Sprachproblemen deutlich gestiegen
Hentschel-Thöricht: „Jetzt muss Sachsen untersuchen, welche Folgen die Corona-Jahre für Kinder hatten“
Bei sächsischen Schulanfängern werden in mehreren Entwicklungsbereichen häufiger Auffälligkeiten festgestellt als vor der Corona-Pandemie. Besonders deutlich ist die Entwicklung bei Sprache und Sprechen: Der Anteil der untersuchten Kinder mit einem auffälligen Befund und anschließender Arztüberweisung stieg von 8,4 Prozent im Schuljahr 2017/18 auf 11,8 Prozent im Schuljahr 2024/25. Das entspricht einem relativen Anstieg von rund 40 Prozent.
Das geht aus der Antwort der Sächsischen Staatsregierung auf eine Kleine Anfrage des BSW-Abgeordneten Jens Hentschel-Thöricht zu Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern hervor (Drs. 8/8052, s. Anhang).
Auch in anderen Bereichen zeigen die Schuleingangsuntersuchungen Veränderungen: Bei der selektiven Aufmerksamkeit stieg der Anteil auffälliger Befunde von 12,0 auf 14,2 Prozent, bei der Visuomotorik von 22,5 auf 25,4 Prozent und beim emotional-psychosozialen Verhalten von 9,9 auf 11,0 Prozent. Bei der Körperkoordination zeigt sich dagegen keine entsprechende Verschlechterung; hier sank der Anteil von 20,8 auf 18,9 Prozent.
Ob die Entwicklung mit den Einschränkungen während der Corona-Pandemie zusammenhängt, kann die Staatsregierung nicht beantworten. Nach Angaben des Sozialministeriums liegen ihr keine Erkenntnisse aus belastbaren Studien über einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den damaligen Einschränkungen und festgestellten Entwicklungsauffälligkeiten vor. Eine entsprechende eigene Bewertung nimmt das Ministerium nicht vor.
Dazu erklärt Jens Hentschel-Thöricht, BSW-Abgeordneter und Mitglied des Corona-Untersuchungsausschusses:
„Die Zahlen beweisen nicht, dass die Corona-Maßnahmen diese Entwicklungsauffälligkeiten verursacht haben. Aber sie liefern genügend Anlass, dieser Frage jetzt wissenschaftlich nachzugehen.
Wenn der Anteil der Kinder mit einer Arztüberweisung wegen Auffälligkeiten bei Sprache und Sprechen innerhalb weniger Jahre von 8,4 auf 11,8 Prozent steigt, dürfen wir uns nicht mit der Feststellung zufriedengeben, dass über mögliche Ursachen keine belastbaren Erkenntnisse vorliegen. Wir müssen diese Erkenntnisse schaffen.“
Ein Problem bei der Aufarbeitung: Die Staatsregierung wertet die Befunde der Schuleingangsuntersuchungen nicht nach Geburtsjahrgängen aus. Damit lässt sich anhand der vorgelegten Statistik nicht gezielt verfolgen, wie sich einzelne Geburtsjahrgänge entwickelt haben.
Das gewinnt gerade jetzt an Bedeutung. Nach Angaben des Sozialministeriums wurden Kinder, die im in der Anfrage betrachteten Zeitraum geboren wurden, frühestens mit Beginn des Schuljahres 2026/27 eingeschult. Gesonderte Fördermaßnahmen für diese Kinder wurden nicht festgelegt.
Hentschel-Thöricht:
„Jetzt beginnt der entscheidende Zeitraum. Die Kinder, die während der Corona-Zeit geboren wurden und ihre ersten Lebensjahre unter den damaligen Bedingungen verbracht haben, erreichen nach und nach das Schuleingangsalter. Deshalb sollte Sachsen diese Jahrgänge gezielt wissenschaftlich begleiten. Wir müssen wissen: Gibt es besondere Auffälligkeiten? Wie entwickeln sich Sprache, Aufmerksamkeit, Motorik und sozial-emotionale Fähigkeiten? Und wenn es Unterschiede gibt: Was sind die Ursachen?
Dabei darf das Ergebnis nicht politisch vorgegeben sein. Es kann nicht darum gehen, im Nachhinein eine bestimmte These über die Corona-Maßnahmen zu bestätigen. Es geht darum herauszufinden, was tatsächlich passiert ist – und daraus Konsequenzen zu ziehen.
Besonders unbefriedigend ist, dass es bislang keine zusätzlichen Fördermaßnahmen speziell für Kinder mit Entwicklungsrückständen infolge der Corona-Zeit gab. Die Staatsregierung verweist lediglich auf bereits bestehende Förderprogramme.
Wenn sich bei Kindern Entwicklungsprobleme zeigen, ist die politische Debatte zweitrangig. Entscheidend ist, dass wir die Ursachen erkennen und den betroffenen Kindern so früh wie möglich helfen. Die Corona-Aufarbeitung muss deshalb auch eine Kinderperspektive bekommen.“



